2005 “Inside a Native Land”. Concert text installation for trombone and eight orchestral groups with 8 channel live electronics. Commissioned for Mike Svoboda by the State of Baden Württemberg.

Description

Seine Basis ist ein Gedicht, das ich schon 1997 schrieb, als ich mich gerade intensiv mit der Musik von Tom Johnson und den Dichtern und literarischen Algorithmen des OULIPO, der Pariser Werkstatt für Potentielle Literatur, beschäftigte. Dieses Gedicht (sie finden es in diesem Buch) benutzt statt der 26 Buchstaben unseres Alphabets nur deren 9: A, D, E, I, L,N, S,T, V. Es sind die Buchstaben des Titels, die zufällig auch einem oulipo’schen Auswahlalgorithmus aus dem Alphabet genügen.

In dem Gedicht geht es um eine „education sentimentale“: der Erzähler lebt in einem Paradies, das er als klaustrophobische Hölle empfindet, verlässt es, gerät in die Welt, die vor Katastrophen und Unsicherheit birst, verliert sich selbst dabei, steht irgendwann ratlos vor immensen Ausblicken. Was bleibt ihm? Seine Innenwelt, die sein eigentliches Geburtsland ist.

Für die Disposition der instrumentalen Mittel war eine Zeile des Gedichtes bestimmend: „I visit alien lands as a saint visits sins“. Diese innere Distanz zur aufgesuchten Fremde ruft die sicherlich nicht gerade begeisterte Aufnahme eines „Heiligen“ durch die „Sünder“ hervor: wer liebt es schon, einem Anspruch genügen zu müssen, der von ausserhalb des eigenen Wärmekreises kommt ? So disponierte ich die Umsetzung dieses Gedichtes als „Konzert“, als die Konfrontation eines Individuums mit – ja nicht „der Gesellschaft“, sondern eben mit vielen verschiedenen Cliquen, Gesellschaften, Kulturen.

Der Solist gerät in meinem Stück musikalisch in viele verschiedene Verhältnisse zu der Musik der ihn konfrontierenden Gruppen. Er taucht in sie ein oder wird abgestoßen, bleibt dran oder gibt auf, spielt mit oder spielt dagegen – und die Musikergruppen verhalten sich ebenso.

Die Form war schließlich gefunden, als ich über die Zahl 9, die Anzahl der Buchstaben im Gedicht, zu der Performance „Nine Bells“ von Tom Johnson fand. Hier sind 9 Klangobjekte in einer quadratischen 9-Punkt-Matrix angeordnet – die Partitur der Performance notiert nur die Wege, die der Performer durch diese Matrix zurücklegen muss. Auf seinem Weg schlägt er jedes Klangobjekt an, an dem er vorbeikommt – so entsteht die Musik.

Mit meinem Gedicht hatte ich ebenfalls solche Wege geschaffen. Und so ist diese Komposition einfach eine gigantisch langsame Lektüre meines Gedichtes: Jeder Buchstabe entspricht einem Klangobjekt (bei mir: 1 bis 3 Musiker), und man buchstabiert das Gedicht von Anfang bis Ende. Weil die 9-Punkt-Matrix zweidimensional ist, sind die Musiker im Raum verteilt. So bewegt sich auch der Klang.

Schließlich bestimmt die Zahl 9 auch die Grossform: Das Gedicht hat 3×3=9 Strophen, STELEN genannt – diese bilden die Abschnitte des Werkes. Drei eingeschobene Meditationen (INVITE für Posaune solo, DIVIDE für 4 Percussionisten, ISLE für 4 Trios) erhöhen die Anzahl der Sätze auf zwölf.

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